Corona 2020 – Mein Tagebuch

Name: read_and_chill

Alter, Wohnort: 36 Jahre, Wien

Berufsgruppe oder Tätigkeit im Alltag: Lehrerin / unterrichte Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen

Wie geht es dir in den letzten Wochen?

Wenn ich ehrlich bin, geht es mir in den letzten Wochen besser als je! Gut isoliert und in eigene Gedankenwelt tief eingetaucht, musste ich mit Bedauern feststellen, dass das einfache prokrastinatorische Leben in der Quarantäne sehr wohl von Vorteil sein kann. Es war allerdings die höchste Zeit, dass ich endlich genug Schlaf kriege und auf den unnötigen alltäglichen Stress freilich verzichten kann! 

Heutzutage besteht das Leben nur noch aus unzähligen selbstwiederholenden Augenblicken, die verzweifelt danach verlangen, mit Sinn erfüllt zu werden.  

In dieser Hinsicht hat mir die Corona-Krise die Augen weit geöffnet. Ich war blind, aber jetzt kann ich sehen! Halleluja! Die Offenbarung des Coronavirus und ihre klare Botschaft, die eine demystifizierende Wirkung auf mein längst überholtes Weltbild hatte, werden mich gewiss bis ans Ende meiner Tage verfolgen, und zwar: Ohne Arbeit lässt sich schön leben, bzw. das Leben ist schöner, wenn man nicht hart arbeiten muss. 

In der Tat ist diese Erkenntnis aber nichts Weiteres als ein schrecklicher Fluch. 

Denn wie soll ich je wieder zu der alten Normalität zurückkehren, wenn die neue Normalität so viel bietet und nur wenig verlangt? Und was kostet eigentlich die Freiheit?

Ach, verdammt! Warum kann ich nicht einfach unglücklich sein und Corona verfluchen!? Damit wäre mein äußerst sensibles Gewissen gewiss zu stillen…

Wie sieht dein Tagesablauf aus und wie unterscheidet er sich zu früher?

Jede Normalität braucht unbeachtet, ob alt oder neu, ihre Routine und ich bin in der letzten Zeit zur Einsicht gekommen, dass das wahre Glück meistens sehr unkompliziert ist. 

Sleep, drink, eat, reapeat. 

Dazu muss ich aber auch gleich sagen, dass ich diese durchaus sinnvolle Vorgangsweise schon am Anfang der Corona-Krise zu meinem neuen Lebensprinzip erklärte.

Die Lust als oberstes Prinzip des Lebens? Alles pippifein!

Alea iacta es! 

Jetzt bin ich aber wegen meiner äußerst relaxten und gechillten gegenwärtigen Existenz in alle Ewigkeit verdammt! Denn diese andauernde Stresslosigkeit, gefolgt von der unnatürlichen und erzwungenen Entfremdung, als auch von der permanenten Selbstisolation und der endlosen Prokrastination, verwandelten meine innere Konsumentin in eine Art idealistische, wunschlose Nichtstuerin, die am liebsten alleine ist. 

Somit habe ich auch fast keine irdischen Bedürfnisse mehr… Gott sei Dank!

Für mich ist es also schon längst entschieden – ich bleib daheim, und zwar für immer! Es ist wirklich besser so… Wenn ich nur den jammernden Skeptiker in mir auch noch stillen könnte, denn der armselige Fanatiker verdirbt mir absolut jeden Spaß! Seine irritierende Stimme lässt mich nie in Ruhe. So ein Mist… 

Letztendlich kann ich an der Sache ja sowieso nichts mehr ändern, es ist, wie es ist. Meine Welt besteht nun aus meinen vier Wänden und einem kleinen Balkon.

Trotzdem frage ich mich aber manchmal, ob die Gesamtfläche meines Balkons groß genug ist für all die Träume und all die Pläne, die ich jetzt unbefristet auf Irgendwann verschieben muss?  

Oh weh, ihr schmerzhafte Einsichten und bedauerliche Zusammenhänge!

Denn einmal früher war meine Freiheit durch meine vielen Verpflichtungen eingeschränkt. Heutzutage werden die Verpflichtungen durch die Einschränkung der Freiheit sehr stark reduziert… Chronisch ironisch, oder?

Die Welt ändert sich. Sind wir noch widerstandsfähig? 

Balcony for one

Welches ist dein persönliches Päckchen, das du mit dir herumschleppen musst in dieser Zeit?

Mein persönliches Päckchen, das ich mit mir in dieser Zeit schleppen muss, ist meine Angst. Die Angst um die Welt und die Angst um den Menschen. Wird die Welt in der Post-Corona-Zeit schrittweise dehumanisiert? Werden Menschen andere Menschen befürchten? 

Wird der Mensch nur noch als potenzieller Krankheitsüberträger gesehen? 

Was wird aus Nächstenliebe?

Was sind deine positiven, persönlichen Veränderungen? –  Welche Gedanken machen dir Mut?

Ich brauche keinen Mut, ich brauche meine Freiheit. Ich bin, wie ich halt bin und die Welt ist, wie sie halt ist, aber frei muss man sein. 

Corona Logbuch 2020

Veröffentlicht in:

CORONA LOGBUCH

Was uns in Frühjahr 2020 bewegte

Rediroma Verlag

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